Flucht vom Gardasee – Und die Frage: Warum nicht einfach Hotel?
Der Gardasee hatte gewonnen. Wir gaben auf. Es gibt diesen Punkt beim Camping, an dem man nicht mehr „eins mit der Natur“ ist, sondern einfach nur noch nass. In einer kurzen, fast höhnischen Regenpause am nächsten Tag rissen wir das Zelt vorzeitig ab. Es war kein Abbau, es war eine Flucht. In diesem Moment, zwischen nassen Planen und dem Geruch von feuchtem Hund, begann unser Weg vom Zelt zum Wohnwagen.
Wir stopften die klatschnassen, schweren Planen einfach irgendwie in den Kofferraum unseres Toyota Corolla. Während wir durch tiefe Pfützen zur Rezeption stapften, versicherte uns die Dame am Check-out zwar lächelnd, dass der Regen „jetzt wirklich“ vorbei sei. Es sei doch so schade um die bereits bezahlten, restlichen Urlaubstage. Aber unsere Wetter-App zeigte trotzig tiefblaues Unwetter für die nächsten Tage. Und so hielten wir an unseren Fluchtplänen fest.
Erkenntnis des Augenblicks: Ein nasses Familienzelt verdoppelt nicht nur sein Gewicht, sondern verströmt im Auto innerhalb von Minuten das Aroma eines feuchten Waldschrat-Wohnzimmers.
Die große Sinnkrise: Wäre All-inclusive nicht einfacher?
Die Heimreise über die Schweiz, nachts bei Starkregen und Nebel, war die logische Fortsetzung des Desasters. Der Gotthardtunnel war gesperrt und so wurden wir auf den St. Gotthard-Pass gezwungen. Wir sahen nichts, außer den roten Rücklichtern des LKWs vor uns und den blendenden Scheinwerfern des drängelnden slowenischen Transporters im Nacken.

Uns kamen ernsthafte Zweifel: „Wenn das jetzt schon so anstrengend ist – wie soll das erst mit einem riesigen Anhänger hinten dran werden?“ Enge Baustellen, steile Auf- und Abfahrten, das Gewicht im Rücken. Keine Sicht nach hinten und solche engen Kurven. Können wir das überhaupt? Schafft ein Auto es überhaupt, diese Steigungen mit Wohnwagen zu überwinden?
Wäre es nicht klüger, künftig klassisch Urlaub zu machen? Ein Vier-Sterne-Resort auf Fuerteventura oder in Ägypten. Jemand anderes macht das Bett, jemand anderes kocht das Buffet, und das einzige Wasser, mit dem man in Berührung kommt, ist der Infinity-Pool und das salzige Meer. Einfach mal die Seele baumeln lassen, ohne Schlamm an den Schuhen.
Doch wir merkten schnell, dass das für uns auch nicht das richtige wäre:
- Der Preis-Faktor: Ein solcher Luxus-Urlaub würde unser Budget für das ganze Jahr sprengen. Statt (wie bisher) drei oder vier Mal im Jahr für kleine Fluchten loszuziehen, könnten wir uns einen Urlaub vielleicht nur noch einmal alle zwei Jahre leisten.
- Der Bobby-Faktor: Bobby gehört zur Familie. Flugreisen mit Hund sind kompliziert. In die meisten High-End-Resorts darf er sowieso nicht mit, und ihn in eine Pension zu geben, bringt uns nicht die Erholung, die wir suchen. Hundepensionen sind nicht nur unfassbar teuer. Wer weiß denn schon, was ihm dort geschieht und ob er wirklich gut aufgehoben ist?
- Der Freiheits-Faktor: Wir wollen morgens entscheiden, ob wir bleiben oder weiterziehen. Ein fremdgesteuertes, durchgetaktetes Ferienprogramm ist bestimmt mal ganz nett – aber auf die Dauer nichts, was uns glücklich macht.
Das Fazit: Wir bleiben Camper. Nur die Art und Weise muss sich ändern. Wir brauchen Wände aus Holz und Aluminium, nicht aus Polyester. Wir brauchen eine Tür, die man mit einem satten „Klack“ hinter sich zuzieht. Und Autofahren mit Anhänger? Das kann man sicher lernen!
Mattek-Tipp:
Unser Learning für alle, die vor derselben Angst stehen: Ja, Respekt vor dem Gespannfahren ist gesund. Aber: Man kann es lernen. Es gibt Fahrschulen, B96-Kurse und Sicherheitstrainings. Nur weil der Gotthard-Pass im Nebel gruselig ist, ist der Traum vom Wohnwagen nicht gestorben. Man wächst mit seinen Aufgaben (und seinen Rückspiegeln). Unserer Erfahrung nach unterscheidet sich das Fahren mit Wohnwagen gar nicht so sehr vom Fahren „Solo“. Im Wesentlichen braucht es nur etwas Übung. Mehr dazu erzählen wir in einem späteren Artikel. Für den Moment nur so viel: Keine Panik! Das ist halb so wild.
„Kauft euch doch einen Puck!“ – Die erste Kollision mit der Realität
Wieder zu Hause, hing das Zelt wie ein erschlagener Riese im Garten und tropfte melancholisch auf die Terrasse. Ein paar Tage später saßen wir mit unseren Freunden Lisa und Sascha zusammen bei einem Spieleabend. Sascha, der sich schon lange mit Wohnwagen beschäftigt, grinste nur, als er die Story unserer Flucht hörte: „Wenn ihr mit dem Corolla ziehen wollt, schaut euch doch mal einen alten Eriba Puck an. Die sind leicht, total kultig und passen hinter jedes Auto.“
Ich schaute ihn entgeistert an. „Einen Puck? Sascha, hast du uns mal angesehen? Wir sind zwei Erwachsene, ein Kind und ein Hund! Wir wollen campen, nicht in einer Konservendose leben. Und wir fahren einen Hybrid. Der kann selbst so eine Sardinenbüchse nicht ziehen. Wir brauchen einen richtigen Wohnwagen!“
In meiner Vorstellung sah ich uns in einem dieser weißen Riesen, mit Dusche, WC, Vorhängen und einer Eckbank. Ein „richtiger“ Wohnwagen eben. Dass unser Corolla dabei wahrscheinlich schon beim Ankuppeln in die Knie gehen würde, verdrängte ich erstmal gekonnt.
Die drei heiligen Variablen: Anhängelast, Stützlast & Gesamtgewicht
Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Der Traum vom „weißen Riesen“ kann auch an der simplen Physik scheitern. Wenn du planst, vom Zelt auf den Wohnwagen umzusteigen, musst du dich mit drei Begriffen anfreunden:
- Anhängelast (gebremst): Was darf dein Auto maximal ziehen? (Unser Hybrid-Corolla ist hier… sagen wir… sehr zurückhaltend).
- Stützlast: Wie viel Gewicht darf von oben auf die Anhängerkupplung drücken?
- Zulässiges Gesamtgewicht: Was wiegt der Hänger inklusive Vorzelt, Gasflaschen und Sophies Spielzeug?
Wir hatten keine Ahnung davon. Wir wollten nur ein wenig Luxus. Und wenn der Corolla das nicht schafft? Dann muss eben ein neues Auto her. Ein SUV, so ein richtig bulliges Teil. Dass wir kurz darauf in einem Autohaus feststellen würden, dass wir so gar keine „SUV-Menschen“ sind, war die erste von vielen Lektionen auf dem Weg zum Wohnwagen.
